EINE HIRNHÄLFTE FEHLT. NUR NOCH EIN HALBES ICH?

Christina Santhouse – und was eine außergewöhnliche Operation über Gehirn, Bewusstsein und Identität verrät
Mit acht Jahren geschieht bei Christina Santhouse etwas, das unserer alltäglichen Vorstellung vom Gehirn beinahe widerspricht: Neurochirurgen entfernen ihre rechte Großhirnhemisphäre.
Nicht ein kleines Areal. Nicht einen Tumor von wenigen Zentimetern. Große Teile einer kompletten Großhirnhälfte.
Danach fehlt Christina tatsächlich etwas. Die linke Hand bleibt weitgehend funktionslos. Das linke Bein ist beeinträchtigt. Ein Teil ihres Gesichtsfeldes geht verloren. Bestimmte Leistungen, die zuvor durch Strukturen der rechten Hemisphäre ermöglicht wurden, stehen nicht mehr oder nur verändert zur Verfügung.
Aber Christina selbst?
Sie ist wach. Sie erlebt. Sie erinnert sich. Sie lernt. Sie entwickelt Wünsche und Pläne. Sie macht Schulabschlüsse, studiert, arbeitet als Sprachtherapeutin, fährt Auto, heiratet und führt ein selbstbestimmtes Leben.
Eine Hirnhälfte fehlt.
Aber fehlt deshalb ein halbes Ich?
Was wurde eigentlich entfernt?
Schon die verbreitete Formulierung „Ärzte entfernten die Hälfte ihres Gehirns“ führt ein wenig in die Irre.
Bei Christina wurde 1996 am Johns Hopkins Hospital eine anatomische Hemispherektomie durchgeführt. Entfernt wurde die erkrankte rechte Großhirnhemisphäre. Hirnstamm und Kleinhirn verschwanden selbstverständlich nicht mit ihr; auch tiefer gelegene Strukturen sind nicht einfach spiegelbildlich halbiert worden.
Dennoch ist der Eingriff gewaltig. Mit der rechten Großhirnhemisphäre verschwanden neuronale Strukturen, die an Bewegung und Wahrnehmung der linken Körperseite, räumlicher Verarbeitung, Gesichtsfeld und zahlreichen weiteren Leistungen beteiligt waren.
Und genau das lässt sich anschließend beobachten.
Die Struktur fehlt – und bestimmte Möglichkeiten fehlen mit ihr.
Das ist zunächst wenig geheimnisvoll.
Interessant wird es bei dem, was nicht proportional mit der verlorenen Struktur verschwindet.
Eine Hand kann verloren gehen, ohne dass das Wollen verschwindet
Christinas linke Hand besitzt nach der Operation kaum noch brauchbare Funktion. Die dafür erforderliche hochdifferenzierte motorische Steuerung lässt sich von den verbliebenen Strukturen nicht einfach vollständig übernehmen.
Und trotzdem kann Christina wollen, diese Hand zu bewegen.
Damit begegnen uns bereits zwei völlig unterschiedliche Dinge.
Da ist einerseits die Möglichkeit des Organismus, eine bestimmte Bewegung auszuführen. Und andererseits gibt es die Absicht, diese Bewegung auszuführen.
Dasselbe gilt für das Sehen. Ein Teil des Gesichtsfeldes fehlt. Christina kann dort nicht einfach durch größere Anstrengung wieder sehen.
Aber ihr Bewusstsein ist deshalb nicht zur Hälfte dunkel geworden.
Es hat sich vielmehr verändert, was diesem Bewusstsein zur Verfügung steht.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Das Gehirn ersetzt nicht einfach eine fehlende Hälfte
Die erstaunliche Entwicklung Christinas wird häufig mit einem einzigen Wort erklärt: Neuroplastizität.
Das stimmt – und erklärt zugleich noch erstaunlich wenig.
Das kindliche Gehirn besitzt eine enorme Fähigkeit, Funktionen neu zu organisieren. Verbliebene Netzwerke können Aufgaben übernehmen, andere Wege können stärker genutzt werden. Bei Christina dürfte ein Teil dieser Reorganisation bereits während der fortschreitenden Rasmussen-Enzephalitis begonnen haben.
Aber Neuroplastizität zaubert die entfernte Hemisphäre nicht zurück.
Das Ergebnis zeigt gerade beides gleichzeitig:
Grenzen und Möglichkeiten.
Die linke Hand demonstriert die Grenze. Ausbildung, Sprache, Denken und ein weitgehend selbstständiges Leben demonstrieren die Möglichkeiten.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger fragen, welche Gehirnregion eine andere „ersetzt“.
Die interessantere Frage lautet:
Wie kann ein Gesamtsystem seine Möglichkeiten neu organisieren, wenn ein wesentlicher Teil seiner bisherigen Struktur nicht mehr vorhanden ist?
Und dann bleibt diese merkwürdige Sache mit dem Ich
Nehmen wir für einen Moment die einfachste Vorstellung:
Das Gehirn produziert Bewusstsein. Zwei Hemisphären bilden gemeinsam unser bewusstes Ich.
Dann könnte man bei Verlust einer kompletten Hemisphäre intuitiv etwas Merkwürdiges erwarten:
50 Prozent Struktur weg – also 50 Prozent Bewusstsein weg?
Aber so erleben wir Christina offensichtlich nicht.
Niemand würde sinnvoll sagen:
Christina sei nur noch halb so bewusst.
Sie sei nur noch ein halbes Ich.
Ihre Gedanken seien nur noch halb vorhanden.
Oder ihre Person existiere nur noch zu 50 Prozent.
Funktionen lassen sich beeinträchtigen. Ein Ich lässt sich offenbar nicht auf dieselbe Weise in Prozent angeben.
Und genau hier wird der Fall grundsätzlicher als eine Geschichte über Neuroplastizität.
Vielleicht stellen wir die falsche Frage
Seit Jahrhunderten suchen Menschen danach, wo Bewusstsein, Persönlichkeit oder das Ich „sitzen“.
Doch vielleicht führt bereits dieses „Wo?“ in die falsche Richtung.
Wir können ziemlich genau zeigen, welche Struktur für eine bestimmte Leistung notwendig ist. Wird ein bestimmter Teil des visuellen Systems zerstört, verschwindet ein Teil der visuellen Wahrnehmungsmöglichkeit. Werden motorische Bahnen zerstört, können Bewegungen unmöglich werden.
Aber wenn wir immer weiter nach Strukturen suchen, finden wir irgendwann nicht plötzlich ein kleines Areal mit der Aufschrift:
ICH.
Christinas Geschichte beweist nicht, dass Bewusstsein unabhängig vom Gehirn existiert. Sie beweist auch keine Seele und widerlegt sie ebenso wenig.
Sie zwingt uns lediglich, sorgfältiger zu unterscheiden.
Das Gehirn stellt Möglichkeiten bereit.
Diese Möglichkeiten können verloren gehen, verändert oder neu organisiert werden.
Doch das Erleben selbst lässt sich nicht einfach entsprechend der verlorenen Gehirnmasse teilen.
Und vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Bedeutung dieses außergewöhnlichen Falls.
Christina Santhouse lebt nicht mit einem „halben Bewusstsein“.
Sie lebt mit einem veränderten Gehirn und veränderten Möglichkeiten – aber als ein ungeteiltes Ich.
Quellen und weiterführende Informationen
1. David Merrick: „Teenager thrives after deadly disease results in removal of half her brain“, The Johns Hopkins News-Letter, 11.10.2001. Zeitnaher Bericht über Christina Santhouse, Rasmussen-Enzephalitis, Operation und bleibende Einschränkungen; enthält auch ihr Zitat „I’m just like any other kid.“ Quelle aufrufen
2. Christine Kenneally: „The Deepest Cut“, The New Yorker, 03.07.2006. Ausführlicher Bericht über Hemispherektomie und Christinas Alltag nach der Operation, unter anderem Autofahren, Orthese, linksseitige motorische Einschränkungen und Gesichtsfeldausfall. Quelle aufrufen
3. Kathy Boccella: „20 years after surgery, a full life with half a brain“, The Philadelphia Inquirer, 14.02.2016. Rückblick 20 Jahre nach der Operation mit Angaben zur anatomischen Hemispherektomie, zur linken Hand und zum linken Bein sowie zu Studium, Beruf und selbstständigem Leben. Quelle aufrufen
4. Johns Hopkins Medicine: „Understanding Rasmussen Syndrome“. Medizinischer Überblick zu Rasmussen-Syndrom, fortschreitender Schädigung einer Hemisphäre und Hemispherektomie als möglicher chirurgischer Behandlung. Quelle aufrufen
5. Pulsifer, M. B. et al.: „The Cognitive Outcome of Hemispherectomy in 71 Children“, Epilepsia 45 (3), 2004, S. 243–254. Langzeituntersuchung von 71 Kindern nach Hemispherektomie am Johns Hopkins Hospital; 37 davon mit Rasmussen-Syndrom. DOI: 10.1111/j.0013-9580.2004.15303.x. Quelle aufrufen
6. Transkript „Christina, In Her Own Words“. Christina Santhouse schildert darin selbst Beginn und Verlauf ihrer Erkrankung, mehr als 150 Anfälle täglich und die 14-stündige Operation. Quelle aufrufen










